Interview mit Birgit Feldkamp, Teamleitung Suchthilfe im Caritasverband für den Kreis Coesfeld, Lüdinghausen
„Sucht ist ein Abbild unserer Gesellschaft“
Die Diplom-Sozialarbeiterin Birgit Feldkamp ist Teamleiterin der Suchthilfe im Caritasverband für den Kreis Coesfeld. In der ländlichen Region gibt es insgesamt drei Suchtberatungsstellen unterschiedlicher Träger, die eng miteinander kooperieren und sich in ihren Angeboten ergänzen. Darüber hinaus ist die Suchthilfe eng mit den sozialen Einrichtungen im gesamten Kreis Coesfeld vernetzt. Eine wichtige Rolle spielt auch die Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten, insbesondere mit Hausarztpraxen, die häufig erste Ansprechpartner für Menschen mit problematischem Konsum sind. Die Beratung findet längst nicht mehr nur vor Ort statt: Neben persönlichen Gesprächen gibt es Video-, Telefon- und Onlineberatung sowie aufsuchende Angebote. Gleichzeitig verändert sich das Thema Sucht. Alkohol steht nach wie vor an erster Stelle, zugleich nehmen internetbezogene Störungen und andere Formen problematischen Konsumverhaltens zu. Auch die Vielfalt der konsumierten Substanzen und die Altersstruktur der Ratsuchenden verändern sich. Die Suchthilfe reagiert darauf mit neuen, niedrigschwelligen und digitalen Angeboten und entwickelt auch die Selbsthilfe weiter. Dabei geht es zunehmend darum, unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Zugängen zu erreichen.
Frau Feldkamp, an wen richten sich die Angebote Ihrer Suchtberatungsstelle?
Unser Publikum ist sehr vielfältig. Wir richten uns an Menschen aller Altersgruppen und aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Unser Ziel ist es, Menschen mit einem riskanten oder kritischen Konsum möglichst früh zu erreichen – idealerweise bevor sich eine Abhängigkeit entwickelt. Dabei beraten wir nicht nur Menschen mit einer eigenen Suchtproblematik, sondern auch Angehörige, Eltern, Arbeitgeber:innen und Institutionen. Unsere Angebote passen wir laufend an neue Entwicklungen und die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen an. Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit ist deshalb die Vernetzung. Wir arbeiten eng mit sozialen Einrichtungen im gesamten Kreis Coesfeld zusammen und verstehen Suchthilfe als Teil eines größeren sozialen Hilfesystems. Niemand muss alle Probleme allein lösen. Entscheidend ist, dass die unterschiedlichen Fachstellen gut zusammenarbeiten und Menschen möglichst unkompliziert die passende Unterstützung erhalten.
Welche Rolle spielen dabei Ärztinnen und Ärzte?
Die Zusammenarbeit mit Ärzt:innen ist für uns sehr wichtig, insbesondere mit Hausarztpraxen.Hausärzt:innen kennen ihre Patient:innen häufig schon lange und sind oftmals die ersten, die gesundheitliche Folgen oder Veränderungen im Konsumverhalten wahrnehmen.
Eine gute Vernetzung ermöglicht es, frühzeitig zu reagieren und bei Bedarf den Kontakt zu unserer Beratungsstelle herzustellen. Wir verstehen uns dabei als Ergänzung zur medizinischen Versorgung. Suchterkrankungen haben häufig medizinische, psychische und soziale Aspekte – deshalb braucht es unterschiedliche Professionen und einen guten Austausch.
Welche Suchtmittel und Probleme begegnen Ihnen derzeit besonders häufig?
Alkohol steht nach wie vor an erster Stelle. Das hat sich trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen nicht grundlegend gewandelt. Gleichzeitig beobachten wir eine größere Vielfalt an Konsumproblemen. Neben Alkohol und illegalen neuen Substanzen beschäftigen wir uns zunehmend mit Medien- und Internetnutzung, Glücksspiel sowie anderen Verhaltensweisen, die problematisch oder abhängig werden können.
Auch beim Cannabiskonsum erleben wir Veränderungen. Cannabis ist längst nicht nur ein Thema bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zunehmend suchen auch ältere Klient:innen unsere Beratungsstelle auf, weil sie einen schädigenden oder problematischen Cannabiskonsum bei sich feststellen. Teilweise besteht der Konsum bereits seit vielen Jahren, teilweise entwickelt sich ein problematischer Konsum erst im höheren Lebensalter.
Auffällig ist außerdem, dass Menschen immer früher zu uns kommen. Das ist einerseits eine Herausforderung, andererseits eine positive Entwicklung: Je früher problematischer Konsum erkannt wird, desto größer sind die Chancen, gegenzusteuern.
Welche Rolle spielt die Lebenswelt der Menschen in Ihrer Arbeit?
Eine sehr große. Wir arbeiten lebensweltorientiert. Das bedeutet, dass wir Menschen nicht losgelöst von ihrem Alltag betrachten, sondern schauen: Wie leben sie? In welchem Umfeld bewegen sie sich? Welche Beziehungen haben sie? Welche Belastungen, aber auch welche Ressourcen gibt es?
Gerade heute ist die digitale Welt ein wesentlicher Teil dieser Lebenswelt. Sie beeinflusst uns alle – oft stärker, als uns bewusst ist. Sie prägt, wie wir kommunizieren, welche Musik wir hören, was wir konsumieren, wie wir unseren Körper wahrnehmen und welche Vorstellungen wir von Erfolg, Schönheit oder einem „guten Leben“ entwickeln.
Über soziale Medien werden beispielsweise Ernährungstrends, Körperkult und Fitnessideale vermittelt. Musik und Jugendkulturen können Einstellungen zu Konsum und Drogen beeinflussen. Gleichzeitig werden Alkohol, Cannabis oder andere Substanzen teilweise sehr selbstverständlich in digitalen Räumen dargestellt. Auch neuere Substanzen und aktuelle Konsumtrends können über soziale Medien sichtbar gemacht, verharmlost oder sogar glorifiziert werden. Dadurch kann der Eindruck entstehen, bestimmte Substanzen seien weniger riskant oder gehörten selbstverständlich zu einem bestimmten Lebensstil.
Das stellt uns auch in der Beratung vor neue Herausforderungen. Wir müssen verstehen, welche Inhalte Menschen in ihrer digitalen Lebenswelt erreichen und welche Vorstellungen dadurch über Konsum entstehen. Gleichzeitig geht es darum, junge Menschen für mögliche Risiken zu sensibilisieren, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten.
Wie passt die Suchthilfe ihre Angebote an diese unterschiedlichen Zielgruppen an?
Wir entwickeln unsere Angebote kontinuierlich weiter und versuchen, möglichst passgenaue Unterstützung für unterschiedliche Lebenssituationen anzubieten. Es gibt nicht die eine Methode, die für alle Menschen gleichermaßen geeignet ist.
Deshalb arbeiten wir beispielsweise mit unterschiedlichen strukturierten Beratungs- und Gruppenangeboten. Dazu gehören unter anderem CANDIS und SKOLL sowie Angebote im Bereich Safer Use und Eltern Coaching. Auch HaLT ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Diese Angebote setzen an unterschiedlichen Problemlagen und Zielgruppen an und ermöglichen es uns, Beratung und Unterstützung individueller auszurichten.
Gerade bei jüngeren Menschen ist es wichtig, niedrigschwellige Zugänge zu schaffen und die Lebenswelt zu berücksichtigen. Das bedeutet auch, digitale Medien nicht nur als Risiko zu betrachten, sondern sie als Teil unserer Kommunikation und unserer Angebote mitzudenken. Menschen müssen dort erreicht werden, wo sie sich tatsächlich bewegen.
Sie haben die unterschiedlichen Lebenswelten angesprochen. Wie wichtig ist es, bereits früh anzusetzen?
Das ist für uns sehr wichtig. Wir wollen Menschen möglichst früh erreichen, – idealerweise lange bevor sich ein problematischer Konsum entwickelt. Dabei profitieren wir auch davon, dass es im Kreis Coesfeld neben der Suchtberatung eine Fachstelle für Suchtprävention, ein Angebot des Caritasverbandes, gibt. Die enge Zusammenarbeit ermöglicht es uns, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen miteinander zu verbinden.
Prävention setzt beispielsweise bereits in der Kita an. Dabei geht es zunächst nicht um konkrete Suchtmittel, sondern um die Stärkung von Lebenskompetenzen: einen guten Umgang mit Gefühlen, Selbstvertrauen und Konfliktfähigkeit. Auch ein lebensweltorientierter Ansatz spielt dabei eine wichtige Rolle. Es geht darum, Menschen in ihrem jeweiligen Alltag wahrzunehmen und dort anzusetzen, wo sie stehen.
Diese Perspektive ist auch für die Suchtberatung wichtig. Die unterschiedlichen Bereiche ergänzen sich und tragen dazu bei, Hemmschwellen abzubauen und Menschen möglichst frühzeitig mit passenden Unterstützungsangeboten zu erreichen.
Ein sehr gefragtes Angebot der Präventionsarbeit ist Eltern-MOVE. Es richtet sich an Erzieher:innen und pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Sie lernen dabei, wie sie mit Eltern, bei denen sie einen kritischen oder problematischen Konsum wahrnehmen, wertschätzend und gleichzeitig klar ins Gespräch kommen können. Im Mittelpunkt steht eine gute Gesprächsführung: Wie spreche ich einen möglichen problematischen Konsum an? Wie kann ich Eltern erreichen, ohne sie zu beschämen oder zu stigmatisieren? Und wie kann ich gemeinsam mit ihnen nach möglichen Unterstützungsangeboten suchen?
Gerade für Fachkräfte in Kitas ist das eine wichtige Unterstützung, weil sie häufig einen engen und vertrauensvollen Kontakt zu Familien haben und Veränderungen im Verhalten oder in der Lebenssituation von Kindern früh wahrnehmen. Eltern-MOVE stärkt sie darin, auch schwierige Themen anzusprechen und bei Bedarf frühzeitig weitere Hilfen einzubeziehen.
Unsere Präventionsarbeit setzt sich über die verschiedenen Lebensphasen hinweg fort. Wir arbeiten mit Kindertageseinrichtungen, Schulen, Jugendeinrichtungen, Einrichtungen des Betreuten Wohnens für Senior:innen, Einrichtungen für geflüchtete Menschen, Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Eltern und pädagogischen Fachkräften zusammen. Dabei greifen wir auch aktuelle Entwicklungen auf, beispielsweise den Umgang mit digitalen Medien, Social Media, Cannabis oder neuen Substanzen.
Auch die Sucht-Selbsthilfe befindet sich im Wandel. Wie reagieren Sie darauf?
Selbsthilfe ist für uns ein wichtiger Bestandteil der Suchthilfe. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie wir auch Menschen erreichen, die mit den klassischen Formen der Selbsthilfe bisher wenig anfangen können – insbesondere jüngere Menschen. Deshalb gestalten wir gemeinsam mit dem Kreuzbund die Selbsthilfeangebote neu und entwickeln sie weiter. Unser Ziel ist es, die Zugänge für jüngere Menschen attraktiver und zeitgemäßer zu gestalten. Dabei berücksichtigen wir auch die Bedeutung digitaler Medien und sozialer Netzwerke.
Wir möchten stärker in Richtung Community denken: Menschen sollen nicht nur zu einem festen Gruppenangebot kommen, sondern Möglichkeiten finden, sich auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und Unterstützung in einer Form zu erhalten, die zu ihrer Lebenswelt passt. Dabei geht es nicht darum, die klassische Selbsthilfe abzuschaffen. Vielmehr möchten wir die bestehenden Strukturen ergänzen und neue Zugänge schaffen. Sucht-Selbsthilfe kann gerade durch den Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, eine wichtige Ressource sein.
Hat sich dadurch auch die Arbeit der Suchtberatung verändert?
Ja, auf jeden Fall. Suchthilfe muss sich immer an den gesellschaftlichen Entwicklungen orientieren. Sucht ist ein Abbild unserer Gesellschaft – und deshalb verändert sich auch das, was wir in der Beratung erleben.
Wir müssen heute sehr viel breiter schauen. Es geht nicht mehr ausschließlich um klassische Suchtmittel wie Alkohol oder illegale Drogen. Wir haben es auch mit digitalen Medien, Glücksspiel, problematischem Onlineverhalten und neuen Konsumformen zu tun. Gleichzeitig verschwinden die klassischen Themen nicht.
Unsere Aufgabe ist es deshalb, die verschiedenen Bausteine miteinander zu verbinden: Prävention, Beratung, Behandlung, Selbsthilfe und Vernetzung. Dabei müssen wir unsere Angebote immer wieder überprüfen und anpassen. Was heute gut funktioniert, erreicht möglicherweise eine jüngere Zielgruppe morgen nicht mehr.
Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben, die bei sich selbst oder bei Angehörigen einen problematischen Konsum feststellen?
Man muss nicht warten, bis ein großes Problem entstanden ist. Wenn jemand merkt, dass der Konsum von Alkohol, Cannabis oder anderen Substanzen zunehmend Raum im eigenen Leben einnimmt oder dass die Kontrolle darüber schwieriger wird, ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen.
Das Gleiche gilt für Angehörige. Auch sie können sich an eine Suchtberatungsstelle wenden, wenn sie unsicher sind, wie sie mit dem Konsum eines Familienmitglieds oder einer nahestehenden Person umgehen sollen.
Beratung bedeutet nicht automatisch, dass jemand sofort mit dem Konsum aufhören muss. Zunächst geht es darum, gemeinsam auf die Situation zu schauen, Zusammenhänge zu verstehen und mögliche nächste Schritte zu entwickeln. Entscheidend ist, dass Menschen wissen: Sie müssen mit ihren Fragen und Problemen nicht allein bleiben.
Unser Ziel ist es, Menschen möglichst frühzeitig zu erreichen – mit unterschiedlichen Angeboten, über unterschiedliche Wege und in unterschiedlichen Lebensphasen. Denn moderne Suchthilfe bedeutet für uns, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen und wo sie sich in ihrem Alltag bewegen.
Das Interview wurde im August 2026 aktualisiert.
Suchthilfeverzeichnis
Über das Suchthilfeverzeichnis der DHS können Sie Einrichtungen der Suchthilfe in Ihrer Umgebung finden.
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